+++Rotzlöffel – Doppel LP 1995 bis 1999 erscheint am 14.05.2022 + Konzert+++

Auftritt bei 10 Jahre Chemiefabrik (Foto: Archiv Martin)

Es ist Winter. Arschkalt. Die „Simme“ knattert im Dunklen mit Höchstgeschwindigkeit von 40 km/h über das Dresdner Kopfsteinpflaster. Ich sitze hinten drauf mit geborgtem Motoradhelm, der meine schöne Stachelfrisur kaputtmacht. Unser Ziel ist ein besetztes Haus, welches sich gegenüber der Metalllehrbude meines Kumpels Stefan befindet. Dort soll heute ein Punkkonzert stattfinden. Es ist das erste Konzert für mich in Dresden nach dem Umzug meiner Eltern dahin. Endlich angekommen bahnen wir uns den Weg über einige Müllberge und Stacheldrahtreste ins Haus. Drinnen ist nur Funzellicht und im Erdgeschoss stehen, sitzen und liegen abgewrackte Stadtpunx mit Schnapsflaschen herum. Ein paar Hunde beschnüffeln sich gegenseitig die Ärsche. Im Keller steht ein Typ hinter einem Campingtisch, auf dem zwei Plattenkisten stehen. Es ist so niedrig, dass er den Kopf  zur Seite neigen muss, damit das Irgendetwas, das ein Iro sein soll, nicht die Spinnen von der Decke holt. „Hey, willste meine neue Platte haben?“,grinst er mich an, „Rotzlöffel-Split mit B.l.r. Musste haben!“ Zur Platte bekomme ich noch eine schiefe, selbstgedrahtete Liste mit den anderen „neuesten“ Veröffentlichungen und Angeboten des Typen. Welche Bands an diesem Abend in dem Keller gespielt haben, weiß ich nicht mehr. Die Rotzlöffel-Platte steht aber seitdem in meinem Plattenschrank und der Typ namens Wahnfried, mit dem ich nun schon seit über 20 Jahren befreundet bin, hatte zur Hälfte die Wahrheit gesagt: Rotzlöffel / B.l.r.-Split musste haben! Jedenfalls wegen der Rotzlöffel-Seite. Die Band steht wie kaum eine andere für den Sound Dresdens der Neunziger Jahre. Götter wie Kaltfront hatten abgedankt und eine neue Generation Punks war gewachsen und prägten diesen schnellen, aggressiven Kellersound in der Stadt. Politisch ja, aber auch immer mit Humor und einer gewissen Rotzigkeit. Nur so ließ es sich in Dresden als Punk überhaupt aushalten. Sonderlich groß war die Szene hier nie, eher übersichtlich und irgendwann kannte man alle. Die Stadt versuchte, jegliche Art von Punkaktivitäten im Keim zu ersticken: Häuser wurden geräumt, später saniert, Ausweichgelegenheiten kaum angeboten. Ein Interesse, einer „anderen Jugend“ einen Platz in der Stadtkultur einzuräumen, war hier unerwünscht aus Angst, die Touristen könnten fernbleiben oder die Wessis würden nicht mehr investieren. Und wenn Dynamo spielte, machtest du als Bunthaariger lieber einen großen Bogen um die Innenstadt.

Rotzlöffel um 1997 (Foto Archiv Rotzlöffel)

Kurz nach meinen ersten Erlebnissen in Dresden war es vorbei mit Rotzlöffel. Die Drei suchten sich neue musikalische Betätigungsfelder der unterschiedlichsten Natur. Martin trommelte nun bei AG Freizeit besten Deutschpunk herunter, Andi widmete sich dem 77er Punk mit den Creeks und Mike zerstörte mit seinem Bass nun bei Todschicker die heile Welt der Spießer und der Deutschpunker. Durch diverse Besetzungswechsel gab es immer wieder einmal Überschneidungen in den Bands, so dass man zeitweilig auch zwei Ex-Rotzlöffel auf der Bühne bestaunen durfte. Aus Dresdens Punkgeschichte ist keine der extrem unterschiedlich klingenden Gruppen wegzudenken, bildeten sie schließlich, noch gemeinsam mit anderen damaligen Bands, den Kern der Szene in der Stadt. Nach dem Tod des „Merkwürden“ in der Neustadt gab es nach vielen Versuchen erst ab 2002 mit der Chemiefabrik endlich wieder ein Domizil mit Zukunft für die Dresdner Punkszene. Es wurde eine Art gemeinsames Wohnzimmer. Scheißhaus gab es nicht, dafür aber massenhaft alte Sofas, auf denen sich die Hunde in ihren Flöhen suhlten, eine zum Kanonenofen umgeschweißte Tonne als Ofen, die oftmals gefährlich rot glühte, am Tag Ratten so groß wie Opossums und herrliche Konzerte. Ein Mischpult, bei dem nur noch vier Kanäle richtig funktionierten, und riesige weiße Hochtöner gaben den Sound.

Inzwischen ist es über 25 Jahre her, dass das Album von Rotzlöffel im Eigenvertrieb erschien Das Ding ist längst vergriffen. Genauso eine Tapecompilation, die Single und die Sampler, auf denen die Band vertreten war. Viele nachgewachsene Generationen haben Rotzlöffel und andere Bands aus dieser Zeit nie live gesehen und kennen die Chemiefabrik nur in ihrem jetzigen, gut etablierten und ausgebauten Konzertzustand. Und doch mehrten sich in der letzten Zeit die Nachfragen nach diesen Jahren und gerade auch nach Rotzlöffel, ist es doch eine Art gemeinsame Geschichte, die uns alle generationsübergreifend verbindet. Am 14.05.2022 gibt’s in der Chemiefabrik nun die einmalige Gelegenheit Rotzlöffel noch einmal live zu bestaunen. Dazu erscheint nun dieses Doppelalbum mit dem kompletten Vermächtnis der Band und einem Fetten 36seitigen Beiheft im LP Format mit Fotos, Infos, den Texten und einem langen Interview mit Rotzlöffel. Das Teil ist auf 666 Stück limitiert und handnummeriert. Die ersten 222 Stück kommen im rotzegrünen Vinyl inklusive exklusiven Rotzebeutel. Ein Stück Dresdner Punkgeschichte!

Vorbestellt werden kann das Teil hier:

http://www.truemmer-pogo.de/