AKTION JETZT!

15.12.1989 vor der naTo - Das erste AKTION JETZT Konzert (Foto: Christoph Motzer)

Das Foto auf Seite 274 in der Neuauflage von „Haare auf Krawall“ zeigt den Eingang des Kulturhauses „Zur Nationalen Front“ am 15. Dezember 1989. Leute stehen davor und unterhalten sich, wahrscheinlich während einer Auftrittspause, denn drinnen ist es mörderisch heiß. Die Fensterrollläden müssen wegen der Lautstärke geschlossen bleiben, den Bands läuft der Schweiß in Strömen herunter. An der Fassade über dem Eingang hängen Transparente, die vor kurzem von Leuten als Gruppe noch auf der Montagsdemonstration getragen worden waren. Eine große schwarzrote Fahne schmückt den Fahnenhalter, der bislang wohl eine rote, blaue oder die DDR- Fahne gehalten hat. In ihrem Buch „30 Jahre naTo“ haben die naTo-Leute ebendieses Bild auch mit abgedruckt, trotz aller Kämpfe und Schwierigkeiten, die wir mit ihnen oder sie mit uns zu Zeiten der Reaktionskonzerte hatten. Man erinnert sich eben immer eher an die schönen Sachen… Die Örtlichkeit an der Ecke Liebknecht-/Körnerstraße ist 1989 noch ein Klubhaus, heißt noch nicht naTo, denn den Namen hat sie von den Punks verpasst bekommen, die die Straße hinunter an der nächsten Ecke im Haus in der Dufourstraße gewohnt haben und 1988/89 an Nachmittagen immer mal ins geschlossene Klubhaus zum Tischtennisspielen gegangen waren. Man kannte sich so lala aus Szenekreisen.

Götz, der Klubhausleiter, wohnte bei mir in der Luckaer Straße, nur vier Häuser weiter in seiner Wohnung voller übereinandergestapelter Reclam-Bücher. Das waren schon offenere Menschen, die im DDR-Kulturbetrieb ihre Schlupflöcher suchten und in ihrem Haus immer mal aufsehenerregende Veranstaltungen durchzogen. Die Leute vom Klubhaus und wir, wir kannten uns also soweit, dass wir sie im Winter 1989 fragten, ob wir bei ihnen nicht ein Konzert machen könnten, denn wir wollten jetzt in der Zeit des Umbruches raus aus den Kirchenkellern.

Am Montag hatten wir auf der Montags- Gegendemo unter den Leuten, die mit uns gingen, oder sich für uns interessierten A4- Flyer ausgeteilt, die für den Freitag zu einem Konzert mit Leipziger Bands einluden. Für uns Veranstalter sollte das aber nicht nur ein Konzert werden, sondern wir wollten einen Treffpunkt neben dem turbulenten Treiben auf den Montagsdemonstrationen schaffen, auf dem sich die in den Innenstadtereignissen mehr oder weniger zufällig zusammengekommenen Leute in Ruhe treffen, kennenlernen, austauschen und Sachen verabreden konnten.

beim Flyerverteilen auf der Montagsdemo (Foto: Christoph Motzer)

An diesem Abend spielten C.K. Pur, Parole Emil und der Schwarze Kanal, drei Leipziger Band aus unserem direkten Umfeld. Im Flyer hieß es: „Was jahrelang verpönt oder verboten war, wird jetzt zum Gebot der Stunde. Subkultur, politische Gruppen und die autonome Kulturszene treten aus dem Schatten der düsteren Vergangenheit…“ 

Der Saal in der naTo an diesem Abend war voll, nicht brechend voll, aber voll. Alles mit Jugendlichen in normalen Winterklamotten, vielleicht ein paar Punker darunter, Langhaarige und Tücherträger. Alle waren neugierig, denn außer den Leuten aus dem Mockauer Keller-Umfeld, kannten sich die wenigsten.

Ich machte irgendwann irgendeine Ansage auf der Bühne, aber es war Unruhe im Laden, einige wollten wohl mehr die Musik hören… Da sprang mir ein dünner Typ zur Seite, löste mich ab und pfiff das Publikum an, gefälligst Respekt zu zeigen gegenüber dem, was wir hier organisiert hatten. Dieser Unbekannte, das war Sören, der auch einen Beitrag im Buch hat („Das eine ist ohne das andere nicht zu haben“), der irgendwie von der Armee gekommen war, in Schönefeld im Neubau lebte und zwei Jahre später zum KGB, dem Koordinierungsgruppenbüro, nach Connewitz kam. An dem Abend spielten tatsächlich Bands, aber was im Nachhinein von Bedeutung war, waren die Durchsagen von der Bühne, die zum einen zu einer Gegenaktion beim Gründungsparteitag der Republikaner (damals so etwas wie NPD, Pegida, AFD und Godzilla in einem) am Folgetag aufriefen und andererseits ein Vortrag mit dem Aufruf, Alt-Connewitz zu besetzen, den Abriss damit zu verhindern. Da wurden Hausnummern durchgegeben, welche Häuser frei wären usw. Auch eine Unterschriftensammlung gegen den Abriss ging herum.

Unterschriftenliste zur Erhaltung eines Hauses in der Stöckartstraße die während des Konzertes auslag (Archiv Ray Schneider)
Foto: Archiv Ray Schneider)
Der Schwarze Kanal live in der naTo (Foto: Archiv Reudnitz)

Es war bestimmt nicht alles eitel Sonnenschein, was da an diesem Abend lief, aber es war ein furioser Anfang. Der nach DDR-Gesetz damals illegale REP-Gründungsparteitag (die erste rechtsextreme Ortsgruppe der Partei auf DDR-Gebiet) wurde durch die Aktion der Leute am Listplatz abgebrochen. Die Polizei kam natürlich erst, als alles vorbei war und kassierte die Antifas wegen Sachbeschädigung ein. Das war für sie sicher einfacher, als in dieser Zeit das heiße Eisen Rechtsradikale anzufassen. Auch die Besetzung von Connewitz schritt voran. Nach und nach sammelten sich Leute um die Stöckartstraße und wurden zu Bewohnern.

Die zweite Runde

Vier Wochen später machten wir ein zweites Konzert unter dem Namen. Es spielten „Beck Session Group“ (BSG) und „We are LOUD“ aus dem Westen, aus Leipzig „Defloration“ und der „Schwarze Kanal“. Wie einige wenige Leute aus dem Westen waren die Bandmitglieder von BSG aus Neugier auf eine Montagsdemo gekommen und Mockauer Keller-Punks hatten sie vor der Hauptpost auf dem Karl- Marx-Platz getroffen und zu einem Konzertauftritt eingeladen.

BSG live am 19.01.90 in der naTo (Foto: Archiv Ray Schneider)

Das Konzert war für die meisten sicher der Hammer und wurde im März getoppt von den „Spermbirds“ und der „Walter Elf“ aus Kaiserslautern, ebenfalls in der naTo. Dann schon unter dem Namen Reaktion. Leider vorerst das letzte Konzert in der naTo, da es für die Ladenleute zu viel Stress mit den Anwohnern und Behörden gab und ständig Angriffe von Rechtsradikalen erwartet wurden.

Spermbirds live bei Reaktion in der naTo (Foto: Archiv Ray Schneider)
Walter 11 bei Reaktion live in der naTo (Foto: Archiv Ray Schneider)

Zumindest war das der Moment, bei dem die naTo im Bewusstsein vieler Beteiligter automatisch mit dem Begriff Reaktion verschmolz, obwohl die Wanderschaft der Konzertreihe da erst begann und man viel, viel später wieder mal in der naTo spielen durfte.